Als wir die Zuständigkeiten für die Tagesberichterstattung am Anfang unserer Reise verteilten, wollte niemand die Beschreibung der Heimreise übernehmen. War das vielleicht instinktiv ein „foreboding“ einer chaotischen Odyssee, die uns erwartete?
Der Abschied in Vallejo war tränenreich und schwer. Wir hatten drei Wochen lang mit Menschen aus einem anderen Kontinent intensiv zusammengelebt, es haben sich zwischenmenschliche Beziehungen und Bindungen entwickelt und wir haben Momente miteinander erlebt, die – das war sicher beim Abschied jedem unterschwellig ganz klar- nicht mehr wiederholt werden können. Abschied eben.
Liebe und engagierte Gasteltern brachten uns zum San Francisco International Airport, eine letzte Fahrt durch eine mittlerweile vertraute Gegend bei strahlendem, kalifornischem Sonnenschein.
Der Check-in verlief reibungslos und zügig, auch wenn die Bodenstewardessen dezent auf ein Schreiben hinwiesen, das an den Counter auslag: mit eventuellen Verzögerungen wegen Streiks am Charles-de-Gaulle Flughafen in Paris sei zu rechnen. Die Auskunft, die man uns am frühen Morgen erteilt hatte (nämlich, dass alles planmäßig verlaufen würde) wurde hier schon etwas korrigiert. Der Flug verlief ruhig, wir übersprangen 9 Stunden in einer kurzen Nacht und kamen müde und voller Vorfreude auf unser Zuhause in Paris an.
Wie üblich entwickelten sich die zwei Lehrerinnen zu Karawanentreibern; es war nicht so viel Zeit zum Umsteigen, dass man gemütlich vor sich hintrotteln hätte können und gelegentlich zu einem Gruppenschwätzle sogar hätte stehenbleiben können. Nein, unbarmherzig zogen und schoben sie die müde Mannschaft durch den Riesenairport. Doch wie so oft im Leben, entpuppt sich manches Drängen und Streben als hinfällig und rückblickend betrachtet als sinnlos.
Zuerst hieß es nämlich, nachdem wir am richtigen Gate eingetroffen waren, unser Flug hätte zehn, dann zwanzig, dann vierzig, dann hundert Minuten Verspätung („hättsch net so pressiere brauche, Marianne“), bis er dann völlig annuliert wurde. Jetzt kam wieder Hektik auf: schnell alle zur Check-in-Zone 7, da gibt es Umbuchungen für eine Maschine am Abend: “ first come-first serve“. Wir waren schnell und ergatterten 20 Umbuchungen für die 19 Uhr Maschine. Das Gepäck musste wieder abgeholt werden um es um 17.30 wieder einzuchecken. Als kleine Vertröstung gab es Vouchers für Sandwiches und Getränke. Also hatten wir Beschäftigung bis um halb sechs, während um uns herum ein Flug nach dem anderen ge-“cancelled“ wurde. Aber bei uns lief alles glatt. Wir waren pünktlich- trotz endloser Warteschlangen- zur Bording Time am richtigen Gate. Generalstabsmäßige Organisation der begleitenden Lehrerinnen machte dies möglich. Zuerst hieß es dann, unser Flug hätte zehn, dann zwanzig, dann vierzig, dann hundert Minuten Verspätung („hättsch net so pressiere brauche, Marianne“), bis er dann völlig annuliert wurde. Jetzt kam Panik auf. Henny übernahm die Gruppenbetreuung, Marianne raste pfeilschnell zum Counter 1 in der Zone D, wo man angeblich Hilfe für Gestrandete bekommen konnte.(“ first come-first serve“!) Denn gestrandet waren wir jetzt wirklich. Das war der letzte Flug nach Stuttgart an diesem Abend gewesen. Die Lehrerinnen hatten sich schon vorher -voller Schwarzseherei- um einen Plan B (Zug oder Hotel) bei Airfrance erkundigt und die Auskunft erhalten, dass alles ausverkauft sei und dass man leider nichts machen könne. In diesem bangen Wissen traf also Marianne am Counter 1 ein, um dort mit dem armen Airfrance-Angestellten einen Riesenrabatz zu veranstalten, Henny war mittlerweile mit ihrem Trupp nachgerückt und unterstützte das Ganze, indem sie mit einem sportlichen Satz auf eines der (nicht im Betrieb befindlichen) Förderbänder sprang, dadurch um etliches größer wirkte und Marianne lautstark unterstützte. Von dieser Vorstellung sichtlich beeindruckt, vielleicht sogar bedroht, konnte der Airfrancist doch ein Hotel für 20 Menschen finden; Essen verlangten die zwei unverschämten und unbeherrschten Damen auch noch, außerdem wollten sie Telefonkarten (die später nicht funktionierten) und einen Bus zu dem vermittelten Hotel. Was der geduldig ausharrenden Mannschaft nicht erspart blieb, war, dass sie erneut am Förderband Nummer 11 das Gepäck abholen musste und mit Sack und Pack und Wagen essen gehen mussten, denn der versprochene Bus- das konnten sogar die zwei randalierenden Lehrer-Ragallen auf geduldiges Zureden des Airfrancisten hin einsehen- brauchte eine gewisse Vorlaufzeit. Um 11 Uhr sollte der Bus am Terminal F am Pte.4 sein. Also erst „gemütlich“ essen gehen und dann gemächlich zum Bus. Doch was uns als Pte.4 beschrieben wurde, entpuppte sich als Terminal D Pte.1. Diese Erkenntnis tat sich uns 5 Minuten vor 11 auf. Also erneut Hektik für die -mittlerweile bis zur Willenlosigkeit erschöpfte- Mannschaft (wenigstens waren sie satt). Henny übernahm die Gruppenbetreuung, Marianne raste pfeilschnell zum Terminal F am Pte.4 (was auch immer diese Abkürzung bedeuten mag) um sich vor den Bus zu werfen, um ihn so am Ausrücken zu hindern. Das war dann doch nicht nötig, da eine relativ entspannte Koordinatorin in gelber Warnweste liebenswürdigst zusicherte, dass der Bus natürlich auch auf uns Zwanzig mit unseren vierzig Koffern warten würde. Also zurück, Marianne, um Henny mit den 20 Kids und den vierzig Koffern zu suchen! Aber Henny und Marianne waren mittlerweile ein so perfekt eingespieltes Team, dass man sich- wie durch Gedankenübertragung- am Terminal 2F an einer Tür mit der Bezeichnung F 2.o4 traf und dann unsere armen und völlig erschöpften aber immer noch geduldigen jungen Leute zum Terminal F Pte.4 zu führen und in den Bus zu packen. Der Bus fuhr uns über nächtliche Pariser Autobahnen nach Bobigny ins Hotel Campanile, verkündete uns, dass er uns am nächsten Tag um 10 Uhr und keinesfalls früher wieder abholen würde. Unser Flugzeug sollte um 10.35 fliegen! Also kurzerhand an der Rezeption noch Taxis für 8 Uhr bestellt… und alle fanden in den für Frankreich typischen Doppelbetten (mit einer großen gemeinsamen Decke für beide Schläfer zusammen) ihren Schlafplatz. Auch Henny und Marianne.
…die Taxis standen tatsächlich bereit, für unser 40 Koffer waren es aber doch zu wenige, lange Fahrt zum mittlerweile kurz vor dem Ausnahmezustand stehenden Flughafen; Airfrance hatte wohl über Nacht das Personal geschult. Eine sehr nette Dame dieser Fluggesellschaft kümmerte sich plötzlich um uns, wir wurden als Sondergruppe an der Warteschlange vorbei abgefertigt und eingecheckt, Hoffnungen, dass die Crew für die Maschine sich einfinden würde, wurden ausgesprochen. Beunruhigend war jedoch, dass eine der beiden Lehrerinnen von der netten Dame zum Bahnhof geschickt wurde, um sich erneut nach Zugverbindungen und Plätzeverfügbarkeit zu erkundigen. Am Abend – so ergab die Recherche- wären noch zwei Plätze im Zug um 22.45 Uhr verfügbar gewesen (die hätten für Henny und Marianne gereicht).
… doch wir waren pünktlich- trotz endloser Warteschlangen- zur Bording Time am richtigen Gate. Generalstabsmäßige Organisation der begleitenden Lehrerinnen machte dies möglich. Zuerst hieß es dann, unser Flug hätte zehn, dann zwanzig Minuten Verspätung … und plötzlich hieß es: wir borden. „Ich glaub’s erst, wenn wir in der Luft sind“… und wir hoben ab und landeten in Stuttgart und die Eltern waren da-mit Blumen und Schokolade und frischgebackenem Brot für die Lehrerinnen-und Freunde und Geschwister waren da und die Koffer waren da-bis auf einen. Leider doch ein Verlust bei diesen Wirren. Hoffen wir, dass der Koffer bald nachkommt.
Warum mussten ausgerechnet wir in eine solche Krisensituation hineinstolpern? Warum hat uns Airfrance nicht früher Mitteilung gemacht? Warum gab es von Airfrance so wenig Betreuung und Information? Warum konnte man uns nicht einfach ab Paris mit dem Zug oder Bus nach Hause bringen…? Viele „Warum“-Fragen stellen sich nach so einem Erlebnis.
Eine positive Seite brachte uns dieses Chaos: wir hatten als Gruppe in den drei Wochen unseres Aufenthaltes nicht richtig zueinander finden können- aus welchen Gründen auch immer. In dieser Nacht war es uns gelungen. Wir waren plötzlich in einem Boot, meisterten diese Krise gemeinsam. Ihr jungen Leute wart in dieser Situation plötzlich superklasse , beherrscht, rücksichtsvoll, kooperativ, konstruktiv, Nähe zulassend, ausdauernd, belastbar, umsichtig, besonnen, voll schwarzem Humor, der dieser tragischen Wende unserer Reise auch sehr viel Komik abgewinnen konnte.
Dank an EUCH.
Henny PF und Marianne IS